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#Wirkungsstory: Kreislauf statt Container

11. August 2026

Was passiert eigentlich mit den Dingen, die wir aussortieren, aber nicht einfach wegwerfen wollen? Marvin hat sich genau diese Frage gestellt, als er nach über zehn Jahren in der Finanzbranche kündigte und anfing, seinen Haushalt auszumisten. Aus dem Frust über endlose Anzeigenerstellung beim Online-Verkauf entstand itemary: eine App, die dabei hilft, Dinge weiterzugeben, egal ob verkauft, gespendet, repariert oder recycelt. Gemeinsam mit einer Co-Founderin testet Marvin gerade in Hamburg, wie sich lokale Second-Hand-Läden, Reparaturbetriebe und Spendenorganisationen direkt in die App holen lassen, unter anderem mit Partnern wie Der Hafen hilft e.V. und Treatly.

 

Wir haben mit Marvin über die Gründungsgeschichte von itemary gesprochen, über den Zusammenhang zwischen Ressourcenschonung und sozialer Gerechtigkeit, und darüber, wohin die Reise als europaweites Re-Use-Ökosystem gehen soll.

Marvin, wie ist die Idee für itemary entstanden?

 

Die Idee kam eigentlich aus einem eigenen Problem heraus. Nach über zehn Jahren in der Finanzbranche habe ich gekündigt und angefangen, meinen Haushalt auszumisten. Ich habe versucht, die Sachen online zu verkaufen, und dann ist mir aufgefallen: Das dauert viel zu lange! Während eines Sabbaticals, einige Monate später, ist mir das Problem dann wieder durch den Kopf geschossen. Also habe ich einen befreundeten Gründer angerufen und ihm davon erzählt. Er meinte nur: Dann probier’s doch mal aus! Über eine Vibecoding-Plattform ist dann relativ schnell eine Website und ein Prototyp entstanden. Ich habe das mit potenziellen Nutzer:innen getestet, und der Großteil der Reaktionen war: Ja, stimmt, wir haben eigentlich viel zu viele Dinge, und ganz ehrlich, online zu verkaufen, ist der Horror! Das war für mich schon die deutlichste Bestätigung, dass das nicht nur mein Problem ist. Dann habe ich mir einen Co-Founder gesucht und wir sind in die technische Entwicklung gestartet.

 

Dabei ist ja denkbar, dass die großen Plattformen wie eBay oder kleinanzeigen selbst (weitere) KI-Features etablieren, die das Verkaufen einfacher machen. Welchen zusätzlichen Mehrwert bietet itemary?

 

Sehr gute Frage. Wenn eBay oder Kleinanzeigen ihre eigenen Funktionen verbessern, ist uns das nur recht, denn bei uns bedienst du mehrere Kanäle statt einem einzigen, und wir bleiben die Stelle, an der du überhaupt erst entscheidest, wohin ein Gegenstand gehört. Und was auch ein sehr wichtiger Punkt ist: Es hört bei uns nicht beim Verkaufen auf. Die wenigsten Leute wollen, wenn sie ausmisten oder umziehen, wirklich Geld verdienen. Sie wollen Güter, die noch in gutem Zustand sind, weitergeben und ihnen ein zweites Leben schenken, statt sie zum Container zu bringen. Deshalb wollen wir zukünftig auch abdecken, was passiert, wenn etwas nicht verkauft wird: Bei kleinanzeigen läuft eine Anzeige nach 60 Tagen aus, wenn du sie nicht verlängerst, und dann ist das Thema meistens gegessen. Wir können dir genau an dem Punkt eine andere Option geben, spenden, reinigen, reparieren lassen oder recyceln.

 

Die Möglichkeit, neben dem Online-Verkauf auch noch andere Optionen angezeigt zu bekommen, ist ein Feature, das ihr zunächst in Hamburg testen wollt, richtig?

 

Genau! Bei dieser neuen Funktion geht es darum, dass ich nicht nur ein Foto mache, um online zu verkaufen, sondern angezeigt bekomme, wo ich das Teil in Hamburg vernünftig lokal verkaufen kann, in lokalen Second-Hand-Läden auf der Schanze oder in Altona, oder bei Spendenorganisationen sind, die es brauchen. Das Lokale ist für uns bewusst kein Zusatzfeature, sondern ein eigener Schwerpunkt. Dort können wir sofort etwas bewegen, und zwar nicht nur indem wir Orte anzeigen, sondern indem wir echte Kooperationen schließen, mit Organisationen wie “Der Hafen hilft e.V.“ und mit Hamburger Startups aus dem Bereich Reparatur und Pflege wie Treatly. Wir starten in Hamburg, das Konzept selbst ist aber nicht an eine Stadt gebunden.

itemary

Wie würdest du eure Wirkung beschreiben?

 

Unser Kern ist Ressourcenschonung: dass gute Dinge, die eigentlich im Müll landen würden, weiterhin im Kreislauf bleiben, egal ob sie verkauft oder gespendet werden. Das Thema soziale Ungleichheit ist aber auch sehr präsent. Die Zahlen sind schon Wahnsinn: Allein in Deutschland liegen 144 Milliarden Euro an ungenutzten Gegenständen in Haushalten, gleichzeitig ist in Hamburg etwa jedes vierte bis fünfte Kind von Armut gefährdet. Dinge sind genauso ungleich verteilt wie Geld. Wer genug davon hat, findet es vielleicht zu aufwendig, sie weiterzugeben, aber andere Leute sind darauf angewiesen. Das ist auch ein Punkt, an dem soziale Ungleichheit durch eine bessere Kreislaufwirtschaft ausgeglichen werden kann. Und die fängt bei Privatpersonen an. In der Sprache der Nachhaltigkeitsziele lässt sich das an drei Punkten festmachen. SDG 12, nachhaltige Konsum und Produktionsmuster, SDG 10, weniger Ungleichheiten und SDG 11, nachhaltige Städte. Wie viel Wirkung dabei genau entsteht, schauen wir uns gerade mit der Public Value Academy an, wo wir lernen, das sauber zu messen, monetär wie nicht monetär.

 

Was sind aktuell eure größten Herausforderungen?

 

Die größten Herausforderungen, die wir gerade haben, liegen im Wachstum und in der technischen Implementierung von weiteren Partnern. Nicht alle Marktplätze gewähren einen einfachen Zugang, gerade die stärksten wie kleinanzeigen haben geschlossene Systeme. Da findet man als Startup realistisch erst in einer späteren Wachstumsphase Gehör. Deshalb gehen wir bewusst auf lokale Systeme. Wir glauben, dass wir hier über Partnering mit Institutionen wie euch oder dem Impact Hub erstmal vor Ort Wirkung erzielen können, um im nächsten Schritt auf größere Partner zuzugehen. 

Wie stellt ihr euch im Bereich Finanzierung aktuell auf?

 

Über die IFB haben wir eine Förderung, mit der wir in der aktuellen Konstellation Runway bis November nächsten Jahres haben, aber wir wollen natürlich auch wachsen, und dafür braucht man Kapazitäten und am Ende auch Geld. Wir streben deshalb zum Ende des Jahres, Anfang nächsten Jahres ein Angel Investment an. Unsere Strategie ist dabei nicht der große VC-Case, sondern wir schauen eher auf Business bzw. Impact Angels, die daran interessiert sind, ein nachhaltiges Unternehmen aufzubauen, das kontinuierlich wächst. Am Ende nützt uns die schönste Wirkung nichts, wenn wir nach drei Jahren den Laden zumachen müssen. 

 

Last but not least, was ist eure Vision für die Zukunft?

 

Die Vision und der Traum ist, dass itemary irgendwann europaweit das System für den Umgang mit Besitz wird. Also jedes Mal, wenn ich etwas habe und mich frage: Passt das noch in meine Lebenssituation, will ich das behalten? Dann öffne ich die App, und mit einem Foto oder Video können wir dir auf Basis unserer Daten empfehlen: verkauf das, spende das, behalte das, repariere das. Nicht nur lokal, sondern als europaweites Re-Use-Ökosystem. Ich glaube an das Konzept von Partnerschaften, gerade weil Kreislaufwirtschaft niemand allein löst, weder eine einzelne Stadt noch ein einzelnes Unternehmen. Lasst uns sprechen und gucken, wie wir dazu beitragen können, dass Leute ihre Dinge nicht mehr vor die Haustür stellen oder in den Müll schmeißen, sondern dahin bringen, wo es sich gut anfühlt!

 

Vielen Dank für das Gespräch, Marvin!

 


 

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Foto-Credits: itemary, Marvin Vortkamp