Jedes Jahr erhalten in Deutschland rund 75.000 Frauen die Diagnose Brustkrebs. Für viele endet mit dem Abschluss der medizinischen Behandlung zwar die Therapie – doch die eigentliche emotionale Verarbeitung beginnt oft erst dann. Fragen nach der eigenen Identität, dem Vertrauen in den Körper oder dem Weg zurück in den Alltag bleiben häufig unbeantwortet. Genau hier setzt LebensHeldin! e. V. an. Die gemeinnützige Organisation begleitet Frauen mit einer Krebserfahrung und ihre Wegbegleiter auf ihrem Weg der seelischen Heilung – mit Healing-Reisen, Sisterhood-Gruppen, Coaching-Angeboten und einer starken Gemeinschaft. So schließt LebensHeldin! eine Lücke im Gesundheitssystem, die lange wenig Beachtung gefunden hat.
Wir haben mit Co-Gründerin Silke Linsenmaier gesprochen. Im Interview erzählt sie, wie aus persönlichen Erfahrungen die Idee für LebensHeldin! entstand, warum Gemeinschaft für die seelische Heilung eine so wichtige Rolle spielt und weshalb Frauen nach einer Krebserkrankung oft gerade dann Unterstützung brauchen, wenn sie offiziell als „geheilt“ gelten. Außerdem spricht sie über die Herausforderung, eine gemeinnützige Organisation nachhaltig zu finanzieren, und über ihre Vision: eine Zukunft, in der keine Frau nach einer Krebserfahrung mehr allein bleibt.
Silke, wie ist die Idee für LebensHeldin! entstanden?
Die Idee zu LebensHeldin! ist aus einem tiefen Wunsch entstanden: Keine Frau soll nach einer Krebserfahrung allein bleiben. Denn klassischerweise werden Frauen nach der Therapie als „geheilt“ entlassen. Doch für viele beginnt genau dann eine neue, oft unterschätzte Herausforderung. Das Umfeld erwartet, dass nun alles wieder wird wie vorher. Aber nichts ist mehr wie vorher. Auch ich kenne diese Erfahrung aus nächster Nähe. Mein Vater ist an Krebs verstorben. Eine enge Freundin hatte Brustkrebs und ist ebenfalls verstorben. Auch meine Schwiegermutter war betroffen. Dazu kommt mein eigener seelischer Heilungsweg, der mir gezeigt hat, wie wichtig Begleitung, Verbindung und innere Stärkung sind.
Dabei sind Therapieplätze ja recht knapp und Angebote wie Coaching nicht für jede:n bezahlbar.
Das stimmt! Seelische Heilung ist in Deutschland oft mit hohen Kosten verbunden. Und das darf nicht sein. Es darf nicht vom Portemonnaie abhängen, ob eine Frau Unterstützung, Halt und Zuversicht bekommt. Genau daraus ist mein Herzensanliegen entstanden: Jede Frau mit Krebserfahrung soll Zugang zu stärkender Begleitung haben, unabhängig von Herkunft, Alter oder finanziellen Möglichkeiten. Unabhängig, ob sie selbst betroffen oder Wegbegleiterin ist. Dafür gibt es LebensHeldin!.
Bei LebensHeldin! spielt das Thema Gemeinschaft eine große Rolle – ihr bietet ja beispielsweise so genannte Sisterhood-Gruppen an, bei denen Frauen mit Krebserfahrung und ihre Wegbegleiterinnen zusammenkommen können. Warum ist das so ein zentrales Element für euch?
Gemeinschaft ist für uns ein zentrales Element, weil wir immer wieder erleben: Frauen brauchen Frauen, um zu heilen. Das ist etwas sehr Ursprüngliches. Frauen sind schon immer in Kreisen zusammengekommen, um sich zu stärken, zu halten, zu trösten und miteinander durch Übergänge zu gehen. Genau das entsteht auch in unseren Sisterhood-Gruppen. Wenn Frauen sich mit offenem Herzen begegnen, jenseits von Äußerlichkeiten, Diagnosen oder Lebensgeschichten, entsteht ein Raum, der unglaublich kraftvoll ist. Viele sprechen dort zum ersten Mal über ihre tiefsten Ängste, über ihre Verletzlichkeit, über Scham, Trauer, Wut oder über Fragen, für die es im Alltag oft keinen Platz gibt. Und dann geschieht etwas Entscheidendes: Eine Frau erzählt – und eine andere nickt. Plötzlich ist da dieses Gefühl: Ich bin nicht allein. Da sind Frauen, die verstehen mich, ohne dass ich alles erklären muss. Ich sage oft: „Ich bin du und du bist ich.“ Denn uns verbindet so viel mehr, als uns trennt.
Und das ist vermutlich besonders wertvoll nach einer so belastenden Erfahrung?
Absolut. Gerade nach einer Krebserfahrung ist diese Verbindung so wichtig. Denn Krebs betrifft nie nur den Körper. Die Erkrankung berührt auch das Selbstbild, die Weiblichkeit, Beziehungen, Vertrauen in den eigenen Körper und die Frage: Wer bin ich, wenn plötzlich vieles wegfällt, worüber ich mich bisher definiert habe? In der Sisterhood darf all das da sein. Ohne Bewertung. Ohne Druck. Ohne funktionieren zu müssen. Und genau daraus kann neue Kraft entstehen.

Wann kommen die Frauen in der Regel zu euch – schon während der Erkrankung oder erst einige Zeit später?
Wann Frauen zu LebensHeldin! kommen, ist ganz unterschiedlich. Viele lernen uns bereits während der Erkrankung kennen. Der eigentliche seelische Heilungsprozess beginnt für die meisten jedoch erst später. Während der Therapie steht zunächst das körperliche Überleben und Gesundwerden im Vordergrund. Termine, Behandlungen, Entscheidungen, Nebenwirkungen – vieles ist eng getaktet. Oft bleibt kaum Raum, wirklich zu spüren, was innerlich geschehen ist. Nach der Therapie kommt dann häufig der Moment, in dem Frauen merken: Ich kann nicht einfach in mein altes Leben zurück. Nach außen sieht es vielleicht so aus, als sei das Schwerste überstanden. Doch innerlich beginnt oft eine neue Auseinandersetzung. Dann tauchen Fragen auf wie: Wie möchte ich eigentlich leben? Was ist mir wirklich wichtig? Wo habe ich vielleicht lange gegen meine eigenen Werte, Wünsche und Bedürfnisse gelebt? Und was brauche ich jetzt, um wieder Vertrauen in mich, meinen Körper und meinen Weg zu finden?
Und zurück im Alltag rutschen die Frauen wahrscheinlich schnell wieder in alte Rollen und Muster, oder?
Ja, die Erwartungen von außen sind oft sofort wieder da: für die Kinder da sein, die Partnerschaft tragen, im Beruf funktionieren, den Alltag organisieren. Und dabei geht das eigene Bedürfnis nach Kraft, Ruhe, Orientierung und Selbstfürsorge schnell wieder unter. Deshalb sind unsere Gruppen und Programme so wertvoll. Sie schenken Frauen einen Raum, in dem sie nicht funktionieren müssen. Einen Raum, der sie immer wieder daran erinnert: Schau auf Dich. Nimm Dich ernst. Kümmere Dich um Dich. Denn seelische Heilung braucht Zeit, Verbindung und die Erlaubnis, den eigenen Weg neu zu entdecken.
Viele eurer Angebote sind sehr erschwinglich für die Teilnehmerinnen. Wie finanziert ihr eure Arbeit?
Von Anfang an haben uns Menschen unterstützt, die ihrem Geld einen Sinn geben wollen. Das hat uns damals Mut gemacht, LebensHeldin überhaupt aufzubauen. Heute arbeiten wir mit Spender:innen, Sponsor:innen und Förderpartner:innen zusammen. Dabei legen wir großen Wert auf Wertepartnerschaften. Wir möchten mit Unternehmen zusammenarbeiten, die unsere Haltung teilen. Es gab auch Situationen, in denen wir Geld dringend gebraucht hätten und trotzdem Nein gesagt haben. Weil wir uns gefragt haben: Können wir das unseren Frauen gegenüber vertreten? Können wir das mit unseren Werten vereinbaren? Gleichzeitig haben wir gelernt, dass Angebote nicht komplett kostenlos sein müssen. Was nichts kostet, wird oft weniger verbindlich wahrgenommen. Deshalb gibt es bei manchen Angeboten einen kleinen Eigenanteil, damit die Kosten gedeckt werden können und die Teilnahme verbindlicher wird.
LebensHeldin! arbeitet heute komplett remote. Gleichzeitig habt ihr auch einen starken Bezug zu Hamburg. Welche Rolle hat die Stadt für euch als Gründerinnen und für die Entwicklung der Organisation gespielt?
Hamburg spielt für uns bis heute eine besondere Rolle. Auch wenn LebensHeldin! inzwischen deutschlandweit wirkt und wir als Team komplett remote arbeiten, ist die Organisation aus einer sehr starken Hamburger Energie heraus entstanden. Gerade in der Anfangszeit gab es in Hamburg Menschen, die an unsere Vision geglaubt haben, oft schon, bevor sie für andere wirklich greifbar war. Menschen, die uns Mut gemacht, Türen geöffnet, Kontakte hergestellt, Empfehlungen ausgesprochen und uns auf ganz unterschiedliche Weise unterstützt haben. Dieses Netzwerk war für uns als Gründerinnen unglaublich wertvoll. Es hat uns Rückenwind gegeben und dazu beigetragen, dass aus einer Idee Schritt für Schritt eine Organisation wachsen konnte, die heute Frauen in ganz Deutschland erreicht. Deshalb sind wir Hamburg sehr verbunden und sehr dankbar. Denn auch wenn LebensHeldin! heute keinen festen Ort braucht, tragen wir diese Hamburger Anfangskraft noch immer in uns.
Das ist schön zu hören! Zu guter Letzt: Was ist eure Vision für die Zukunft?
Unsere größte Vision ist, dass es LebensHeldin! eines Tages nicht mehr braucht, weil keine Frau nach einer Krebserfahrung allein bleibt und stärkende Begleitung selbstverständlich verfügbar ist. Bis dahin möchten wir so viele Frauen wie möglich erreichen. Jedes Jahr erkranken rund 75.000 Frauen neu an Brustkrebs. Unser Wunsch ist, dass jede dieser Frauen von LebensHeldin! erfährt und eine Kraftquelle findet, die zu ihr passt: über unser Mutmach-Buch, unsere Sisterhood-Gruppen, unsere Healing-Reisen, unsere Coaching-Angebote oder unsere digitalen Programme. Wir möchten, dass Frauen nicht erst suchen müssen, wenn sie innerlich nicht mehr weiterwissen, sondern früh erfahren: Da gibt es einen Ort für mich. Eine Gemeinschaft. Menschen, die mich verstehen. Impulse, die mich stärken. Und Angebote, die mir helfen, meinen eigenen Weg mit mehr Vertrauen, Selbstfürsorge und Zukunftsmut zu gehen.
Was sind die nächsten Schritte, um eure Vision zu erreichen?
Wir möchten LebensHeldin! in den nächsten Jahren weiter stabilisieren und finanziell unabhängiger machen. Wenn wir eines Tages genügend Mitglieder, Förderer und verlässliche Partner an unserer Seite haben, um die Organisation aus eigener Kraft dauerhaft zu tragen, wäre das ein großer Schritt für unsere Wirkung. Denn am Ende geht es immer um dieselbe Frage: Wie schaffen wir es, dass keine Frau mit ihrer Krebserfahrung allein bleibt? Genau dafür treten wir an. Jeden Tag.
Vielen Dank für das Gespräch, Silke!
Mehr zu LebensHeldin!:
Foto-Credits: Martina van Kann, van-kann.de, @van_kann_fotografie
