Im Ausbildungsjahr 2024/25 gab es in Hamburg rund 33.000 Auszubildende – 33.000 junge Menschen, die ihre ersten Erfahrungen in der Arbeitswelt sammeln und mit viel Hoffnung ins Berufsleben starten. Und dann ist da noch eine andere Zahl: die zur Abbruchquote. Auf ganz Deutschland bezogen, scheitert statistisch gesehen jede 3. Ausbildung. Hier setzt Azubi Companion an: das Social Enterprise bietet individuelle Ausbildungsbegleitung für Azubis und Ausbildungsbetriebe an. Das Ziel: mehr erfolgreiche Ausbildungen in Hamburg, weniger Abbrüche.
Wir haben mit Julia Wöhlke gesprochen – eine der beiden Geschäftsführerinnen von Azubi Companion. Im Interview erzählt Julia, warum so viele Ausbildungen scheitern, was der Umgang mit Konflikten damit zu tun hat und wie die Arbeit der „Companions“ mit den Azubis in der Praxis aussieht. Es geht um die Freude, Menschen individuell zu begleiten und sie sagen zu hören: „Ohne euch hätte ich das nicht geschafft!“, aber auch um Herausforderungen, vor allem in puncto Finanzierung.
Julia, wie ist die Idee für Azubi Companion entstanden?
Ich komme selbst aus dem Personalbereich und habe immer wieder gesehen, dass junge Menschen zwar oft bis zum Schulabschluss gut begleitet werden – durch Mentorenprogramme und Ähnliches – aber in der Ausbildung selbst diese Unterstützung fehlt. Gleichzeitig wird inzwischen fast jede dritte Ausbildung abgebrochen. Da haben wir uns gefragt: Wie kann man da gegensteuern? Am Anfang war es gar nicht so einfach, jemanden zu finden, der Interesse hatte, das Projekt mit aufzubauen. Dann gab es aber eine Stiftung, die gesagt hat: Wir finanzieren eine Stelle, um das zu testen. So konnten wir im Sommer 2023 zunächst mit einer Pilotgruppe an Azubis starten – mit etwa 19 jungen Menschen. Einige davon sind inzwischen fertig. Heute begleiten wir gut 80 Azubis, haben eigene Räumlichkeiten in Hamburg-Hammerbrook und ein Team von sechs Mitarbeitenden.
Du sagst, jede dritte Ausbildung wird abgebrochen – warum ist das so?
Die Abbruchquoten unterscheiden sich je nach Branche deutlich; besonders hoch sind sie in Bereichen wie Gastronomie oder Pflege. Die Gründe dafür sind vielfältig und selten auf einen einzelnen Faktor zurückzuführen. Wir erleben in unserer Arbeit, dass viele Auszubildende mit sehr unterschiedlichen Startbedingungen in die Ausbildung gehen. Manche haben wenig Unterstützung im familiären Umfeld oder keine klaren Vorstellungen davon, was Ausbildung im Alltag konkret bedeutet. Ein häufiger Punkt ist der Umgang mit Herausforderungen und Konflikten. Wenn Unsicherheiten oder Spannungen entstehen, fehlt manchmal die Erfahrung oder das Vertrauen, diese aktiv anzusprechen und gemeinsam Lösungen zu finden. Dann können Situationen schnell eskalieren oder zum Rückzug führen. Und nicht zuletzt spielen organisatorische Themen eine Rolle: Formulare, Fristen und bürokratische Abläufe können sowohl Auszubildende als auch Betriebe überfordern. Am Ende ist ein Ausbildungsabbruch meist das Ergebnis mehrerer Faktoren. Oft passen Erwartungen, Unterstützung und Rahmenbedingungen nicht ausreichend zusammen. Genau hier setzen wir an und versuchen, frühzeitig zu begleiten und zu vermitteln.
Und gleichzeitig kann das Durchhalten ja eine wichtige Erfahrung sein, oder?
Absolut. Das ist eine der wichtigsten Lernerfahrungen überhaupt: nicht wegzulaufen, sondern durchzugehen und zu merken, dass man es schafft. Das stärkt enorm. Wenn wir eine gute Beziehung aufgebaut haben, sind wir oft die ersten Ansprechpartner – egal ob es um Prüfungen oder persönliche Themen geht.
Wie sieht eure konkrete Arbeit mit den Azubis aus?
Die Azubis kommen auf unterschiedlichen Wegen zu uns – über Freunde, Partnerorganisationen, Berufsschulen oder Unternehmen. Manchmal leider auch erst, wenn es schon Probleme gibt. Ideal ist, wenn sie früher kommen. Dann arbeiten wir eng mit den Betrieben zusammen. In der Regel treffen wir uns einmal pro Woche für ca. zwei Stunden. Manchmal öfter, manchmal seltener; je nach Bedarf. Es geht viel um Schule, aber auch um persönliche Themen – von Konflikten im Betrieb, über Behördenangelegenheiten bis zu familiären Problemen oder Wohnungssuche. Zusätzlich bieten wir Prüfungsvorbereitung, Workshops (z. B. zu Prüfungsangst) und monatliche Azubi-Events an. Einsamkeit ist auch ein Thema, deshalb ist Vernetzung wichtig. Der Kern bleibt aber die 1:1-Begleitung.
Wie messt ihr eure Wirkung?
Für uns ist der wichtigste Indikator, ob Auszubildende ihre Ausbildung erfolgreich abschließen und idealerweise im Betrieb bleiben. Wir schauen uns aber auch an, wie sich die Ausbildung im Verlauf entwickelt; zum Beispiel anhand von Zwischenprüfungen oder anderen wichtigen Stationen. Diese Verläufe halten wir fest, um Entwicklungen nachvollziehen zu können. Gleichzeitig wird unsere Wirkung im Alltag sehr konkret sichtbar: Wir begleiten regelmäßig Auszubildende in Situationen, in denen sie kurz davor sind, abzubrechen oder nicht mehr zur Arbeit zu gehen – und können gemeinsam Lösungen finden, sodass sie in der Ausbildung bleiben. Am Ende hören wir häufig Sätze wie: „Ohne euch hätte ich das nicht geschafft.“ Das ist für uns ein sehr klarer Hinweis darauf, welchen Unterschied die Begleitung macht. Unsere Wirkung zeigt sich also sowohl in den Abschlüssen als auch in den individuellen Verläufen während der Ausbildung.
Was sind aktuell eure größten Herausforderungen?
Die Finanzierung. Im Moment läuft viel über Spenden von Förderpartnern, aber langfristig wollen wir uns stärker über Firmen refinanzieren. Das heißt: mehr Unternehmen ansprechen und sie davon überzeugen, ihre Azubis zu uns zu schicken.
Und was macht euch besonders viel Freude an der Arbeit?
Am meisten freut uns, wenn wir sehen, dass Dinge, die vorher schwierig waren, plötzlich funktionieren. Zum Beispiel, wenn ein Azubi, der lange Probleme hatte, wieder regelmäßig zur Arbeit geht, Prüfungen besteht oder sich im Betrieb besser zurechtfindet. Oder wenn Gespräche gelingen, die vorher festgefahren waren. Besonders schön ist es, Entwicklungen über die Zeit mitzuerleben – zu sehen, wie aus Unsicherheit mehr Selbstvertrauen wird und wie die Azubis ihren eigenen Weg in der Ausbildung finden.
Wie erlebst du Hamburg als Standort für Social Enterprises?
Im Bildungsbereich passiert hier schon viel, aber die Szene ist auch eine gewisse Bubble. Die Gründung selbst war ehrlich gesagt ziemlich aufwendig – viel Administration, viele Themen wie Datenschutz, IT, Räume. Da hätte es mehr Unterstützung geben können. Und was ich besonders wichtig finde: Die Vernetzung mit klassischen Unternehmen funktioniert noch nicht gut genug. Die Bubble der Sozialunternehmen trifft sich viel, aber darüber hinaus passiert eher wenig.
Das sehen wir auch – und arbeiten auch daran, mehr Vernetzung zwischen Social Enterprises und der klassischen Wirtschaft zu ermöglichen. Aus deiner Sicht: Woran liegt es, dass Unternehmen schwer zu erreichen sind?
Ich glaube, es ist weniger Ablehnung als vielmehr Struktur. Man muss die richtigen Personen finden, und oft haben die, mit denen man spricht, gar nicht das Budget. In größeren oder städtischen Unternehmen kommen dann noch Prozesse dazu – Ausschreibungen, Zuständigkeiten usw. Und bei kleinen Betrieben wie einer Arztpraxis oder einem Handwerksbetrieb ist es wieder anders: Da fehlt oft die Zeit oder die Struktur, obwohl eigentlich Interesse da ist.
Gleichzeitig haben Unternehmen ja ein großes Interesse daran, dass Azubis bleiben.
Absolut. Es gibt oft einzelne Personen im Unternehmen, denen das wirklich wichtig ist und die wollen, dass der Azubi es schafft. Und man darf nicht vergessen: Ein Abbruch ist für beide Seiten frustrierend – für den Azubi und für das Unternehmen. Da hängen viele Emotionen dran.
Vielen Dank für das Gespräch, Julia!
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Foto-Credits: Azubi Companion